'Germany is ignoring the Y2k problem, with possibly fatal results...' ____________________-
'Deutschland übersieht das Jahr-2000-Problem, mit möglicherweise fatalen Folgen
Zwei Zeichen, die die Welt ändern
Von unserem Mitarbeiter Udo Rudnitzki-Primbsch
Ganze zwei fehlende Zeichen sind es, die die Welt am 1. Januar 2000 aus dem Takt bringen könnten. Weil alte Computerprogramme statt vierstelliger nur zweistellige Jahreszahlen lesen können, müssen wir damit rechnen, daß die technikabhängige Welt am 1. Januar 2000 ein Stück weit aus den Fugen gerät. Sparsamkeit am falschen Platz hat dem Globus eine Zeitbombe beschert, deren Ausmaße in Deutschland nur wenige Fachleute erkennen.
Die Programmierer, die vor 30 Jahren die Grundlagen zu vielen heute noch laufenden Programmen schufen, waren überzeugt, daß ihre Software nur eine kurze Lebensdauer haben würde. Sie richteten ihr Augenmerk auf den teuren Speicherplatz. Wie rasant sich die Computertechnik entwickeln würde und wie billig Speicherplatz werden würde, konnten sie nicht ahnen.
Wenn die Jahreszahl 99 (ohne die 19 davor) am 1. Januar 2000 auf die verkürzte Jahreszahl 00 wechselt, dürften zahllose Rechner das neue Jahresdatum als 1900 interpretieren, mit möglicherweise fatalen Folgen: Der Geldautomat der Bank oder Sparkasse reagiert nicht, die elektronischen Kassen von Supermärkten, Apotheken, Kaufhäusern streiken, Stromlieferungen werden unterbrochen, Lebensmittel und Medikamente landen auf der Müllkippe, weil das Haltbarkeitsdatum falsch interpretiert wird, persönliche Daten der Bürger werden verändert und Bankguthaben werden falsch berechnet.
Betroffen sind alle Bereiche des Lebens: Elektrizitätswerke, Wasserversorger, Atomkraftwerke, Automobilproduzenten, Krankenhäuser, militärische Einrichtungen, öffentliche Verwaltungen, die Versicherungs- und Finanzwirtschaft, Rundfunk- und Fernsehanstalten. Das eigentliche Problem liegt dabei in den sogenannten „embedded systems“, auf Deutsch die eingebetteten, nicht sichtbaren elektronischen Steuerungen. Sie gibt es in großer Zahl und sie kann man nur schwer kontrollieren. Unter dem Begriff versteht man Halbleiterchips mit dem risikoreichen Datumsfehler 00. Sie tun in Telefonen ihren Dienst.
„Im Gegensatz zu den mit Bildschirmen ausgestatteten Computern, wo sich im Laufe der letzten zwei Jahre zahlreiche Anbieter von Analyse- und Testverfahren etabliert haben, gibt es für dieses umfangreiche Einsatzfeld praktisch keine Lösungen. Vielfach werden wir einfach warten müssen, bis Fehler auftreten“, sagt ein amerikanischer Fachmann.
Schon in den vergangenen beiden Jahren haben Programme, die mit dem Jahr 2000 kalkulieren, für Rechnerabstürze gesorgt. Eine der größten Lebensmittelketten der USA hat Waren im Wert von vielen Millionen Dollar vernichtet, weil die Produkte ein Haltbarkeitsdatum jenseits der 2000-Marke aufwiesen. Die Computer lasen „nicht haltbar bis 15. Januar 2000, sondern haltbar bis 15. Januar 00“ und setzten das Haltbarkeitsdatum auf 1900 zurück. Haltbarkeitsdatum abgelaufen, die Lebensmittel landeten auf der Müllkippe.
In den USA und Großbritannien ist das Jahr-2000-Problem, englisch Millennium Bug, Chefsache. Präsident Bill Clinton und Premierminister Tony Blair persönlich kümmern sich darum, daß sich Wirtschaft und Verwaltung auf diesen Tag vorbereiten. Auf 600 Milliarden Dollar weltweit schätzt die amerikanische Unternehmensberatung Gartner Group die Kosten, um Computer jahrtausendwendefest zu machen. 45 Milliarden davon entfallen auf Deutschland.
Hierzulande scheint das Jahr-2000-Computer-Problem noch immer eine Nebensache zu sein. „Wer das Problem vernachlässigt, startet nicht wettbewerbsfähig ins Jahr 2000. Eine verpaßte Umstellung trifft die Unternehmen ins Herz“, warnte Ende November Hans-Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Doch die offiziellen Stellen wiegeln ab. Aus dem Saarland ist zu hören, man habe „das Jahr-2000-Thema abgehakt“. Wer beim Bundespresseamt nachfragt, was denn Bundeskanzler Gerhard Schröder in Sachen Millennium Bug unternehme, kann das Grinsen am anderen Ende der Telefonleitung förmlich hören. Der sei auf dem Wissensstand seines Vorgängers. Anfang März will die Bundesregierung einen umfassenden Bericht zum Jahr-2000-Problem und zum Stand ihrer Vorbereitungen veröffentlichen. Das soll wohl signalisieren: „Wir haben alles im Griff .“
Mag sein, daß die Bundesregierung weitaus besser informiert ist als der Rest der Welt – wahrscheinlicher ist, daß sie wegen anderer Themen dem Jahr-2000-Computer-Problem sehr wenig Bedeutung beimißt. Zunächst war die Einführung des Euro zu bewerkstelligen, jetzt ist es der Ausstieg aus der Atomenergie, der alle Kräfte bindet – und in einigen Monaten steht der Umzug nach Berlin an. Es gibt genug zu tun.
Daß die nicht Jahr-2000-festen Computerprogramme immense Schäden – möglicherweise sogar auf Dauer – zur Folge haben können, ist – wenn man die Bundesregierung richtig interpretiert, weit übertrieben. Warum nur ist der Rest der Welt so beunruhigt? Selbst renommierte Unternehmen im In- und Ausland, die einen guten Namen zu verlieren haben, müssen eingestehen, daß es absolute Sicherheit nicht gibt.
Andy Kyte von der Unternehmensberatungsgesellschaft Gartner Group, Zweigstelle London, sagte kürzlich: „Faktum ist, daß jedes Unternehmen – gleichgültig, ob privat oder öffentlich – in der Lage ist, das Jahr-2000-Problem zu eliminieren, einfach dadurch, daß das Risiko erkannt wird und daß entsprechende Gelder für die Beseitigung dieses Risikos bereitgestellt werden. Es wird kein Problem entstehen, wenn die Betroffenen das Risiko ernst nehmen. Was wir aber feststellen müssen: In vielen Ländern, vor allem in nicht englischsprachigen Ländern, wird das Thema ignoriert, weil man dort der Auffassung ist, es handele sich hierbei um eine amerikanische Angelegenheit, weil man dort der Auffassung ist, deutsche Ingenieure machten keine Fehler, oder weil man behauptet, die eigenen Systeme seien alle gut und Jahr-2000-fest.“
Wilhelm Schäfer, Informatikprofessor an der Universität Paderborn und mit der Jahr-2000-Computer-Problematik vertraut, vermißt in der Bundesrepublik ein wirklich umfassend funktionierendes Krisenmanagement: „Man hat in der EDV das Problem natürlich erkannt hat; das gilt jedoch nicht für das hochrangige Management. Dort wird das Problem verdrängt, weil es sehr kostenintensiv ist. Wir sind auf unglaubliche Inkompetenz gestoßen.“
Weitere Informationen zum Jahr-2000-Computerproblem im Internet: wdr.de ...
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